Dienstag, 25. Dezember 2012

Рождество́






Weihnachten – ist in Belarus ganz anders. Von Advent haben hier die wenigstens schon mal etwas gehört, dieses Jahr gab es irgendwo in Minsk den ersten Weihnachtsmarkt von Belarus und Geschenke gibt es zu Weihnachten eigentlich auch nicht, dafür jede Menge Schnee!
Der 25. Dezember ist zwar ein Feiertag, aber nur die Katholiken feiern auch, denn für die Orthodoxen ist Weihnachten erst am 07.01. Aber egal welcher Religion man angehört, feiert man in Belarus groß das neue Jahr. Überall gibt es kitschige Schlangenstaubfänger zu kaufen, denn 2013 ist das Jahr der Schlange, Väterchen Frost und das Schneemädchen sind im Dauereinsatz und es gibt Geschenke. Hier heißt es weniger „Frohe Weihnachten“ als „Ein gutes neues Jahr“!
Was wohl irgendwie vertraut ist, sind die großen Eislaufflächen auf Plätzen und die Beleuchtung auf dem Prospekt (auch wenn ich finde dass diese an Hässlichkeit kaum zu übertreffen ist!).
Trotz allem haben wir hier Weihnachten gefeiert.
In der Geschichtswerkstatt habe ich eine kleine Weihnachtsfeier gemacht, habe probiert zu erklären was Advent, Plätzchen und Stollen ist, „Alle Jahre wieder“, „Stille nacht“ und „Ihr Kinderlein kommet“ gesungen und ihnen ein Gedicht beigebracht:
Advent, Advent ein Lichtlein brennt,
erst eins,
dann zwei,
dann drei,
dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.
Und wenn das fünfte Lichtlein brennt,
dann hast du Weihnachten verpennt.

Danach haben wir praktische Erfahrungen mit Plätzchen und Lebkuchen gemacht und uns für die Neujahrsfeier am 29.12. vorbereitet, denn da werden wir „Alle Jahre wieder“ und „Ihr Kinderlein kommet“ zum Besten geben (die Abmachung ist, dass ich eine Version des Liedes mit Gesang laut abspiele und dann alle nur noch den Mund dazu bewegen müssen ;o) ). Außerdem wird eine Frau das Gedicht aufsagen und drei andere den Text von Stille Nacht. Ich bin gespannt! Und freue mich sehr darauf.



Den 24. selbst haben wir im Krankenhaus verbracht. Gemeinsam mit Julia, ihrer Mama und Philipp sind wir um kurz nach 8 los. Im Krankenhaus angekommen, haben wir dann auf der fünften Station Geschenke verteilt. Julia als Schneemädchen, Philipp in unserem wunderschönen selbstgemachten und irgendwie improvisierten Kostüm als Weihnachtsmann und ich als seine Frau oder so. 
Das Selbe dann noch mal auf der Tagesstation, nur das ich jetzt der Weihnachtsmann war.

Dann haben wir auf Julias Station mit den Kindern Plätzchen gebacken, um anschließend wieder in die Kostüme zu springen und auch auf der 4. Station und der Transplantationsstation die Geschenke zu verteilen. Und nach einer kleinen Pause habe ich dann schließlich noch mit meinen Kindern gebacken. Leider gibt es davon keine Bilder, aber es war sehr schön, wir haben Teig geknetet, mit den Förmchen ausgestochen, neue Kreationen erschaffen – es wurden Herzen mit Sternen, Sterne mit Männchen und Männchen mit Monden kombiniert – und dann alles schön mit Streuseln verziert. Kaum war die erste Ladung aus dem Backofen draußen war sie auch fast schon wieder weggefuttert. Teilweise war leider nicht genug Platz für alle Kinder die ankamen, aber zumindest mit 3 süßen Mädchen habe ich fast 1 ½ Stunden gebacken. Nach dem ganzen Stress mit Weihnachtsgeschenke vorbereiten und verteilen, war das endlich mal wieder genau die Arbeit, wegen der ich hier bin!

Glücklich, zufrieden und müde bin ich dann also nach Hause gekommen, wo es noch mal ein klein wenig Borscht gab, bevor ich dann mit Julia und ihrer Mutter erst essen und dann in die Stehbar gegangen bin.
Es war ein sehr schöner und lustiger Abend, an dem wir einige Freunde wieder getroffen, Bekanntschaften vertieft und neue Menschen kennengelernt haben.
Heilig Abend im Zentralni, man kann wohl sagen, dass war mal eine ganz besondere Form des Festes!

Jetzt heißt es noch ein paar Tage arbeiten, Neujahrsfeier im Kinderheim, in der Geschichtswerkstatt und dann geht es auf nach Gomel, Charkiv und Kiew in den Urlaub.
Ein bisschen ausruhen, damit wir dann am 10. Januar gestärkt und ausgeschlafen ;o) gemeinsam mit Menschen mit Behinderung auf ein Winterlager fahren können!
Die nächsten Wochen versprechen anstrengend und wirklich schön zu werden!




Samstag, 17. November 2012

7 дней Центральный

7 Tage Центральный - Eine Geschichte von Gemeinschaft, Freundschaft und schlechtem Bier.

Es war ein Experiment wie kein anderes.
Jetzt gibt es das Protokoll und die Auswertung exklusiv.

Wie alles Begann:
Nach der Geisterbeschwörung am Freitag Abend, wurden wir dann tatsächlich heimgesucht, denn Samstag standen wir plötzlich ohne Strom da. Was tun? 
                                                                    erstmal essen!
           Übrigens der Schein trügt, Julias Kamera macht ziemlich helle Fotos, auch im dunkeln!!!



Nun in unseren Überlegungen sind wir nicht so richtig weit gekommen, dennoch beschlossen wir uns einfach mal fertig zu machen. Doch im dunkeln stellte das einige Herausforderungen dar. Zuerst ist Julia mal ganz romantisch bei Kerzenlicht duschen gegangen, während ich mich am stricken im dunkeln versucht habe. Leider haben die kurzen Momente in denen wir Strom hatten nicht immer gereicht um alle Maschen wiederzufinden.
Dann galt es sich zu schminken, natürlich auch ohne Licht, also nur das Nötigste. Wie ich aus meinem Zimmer zurückkomme sehe ich wie etwas in Julias Zimmer flackert. Das Teelicht das Julia in ihrem Zimmer stehen gelassen hatte, breitete sich nun etwas aus und auch das Deko-Weihnachts-Schneeflocken-Glas hatte es schon gesprengt. Was nun?
Erster Gedanke: Ersticken. Dann: Das Glas steht auf einem Wolluntersetzer und der auf einem Holzregal, was wenn das nicht funktioniert?
Zweiter Gedanke: Wasser.
Resultat: Eine riesige Stichflamme, Wachsspritzer im ganzen Zimmer und einen ziemlichen Schock später war es klar: Wir müssen ganz schnell unsere Wohnung verlassen; soll sie doch abfackeln, aber dann bitte ohne uns!

So kam es also, dass wir uns mit Orangensaft ausgestattet auf den Weg durch Minsk machten, einen kleinen abendlichen Spaziergang am Fluss.


Und dann? Pinkelpause ;o) und schließlich: Центральный - die Stehbar, wo man im stehen Bier trinken kann (Zitat Julia).

Irgendwie hatte ich dann einen Lauf, also:
1.Samstag: Jules und ich im Центральный wegen Stromausfall.
2.Sonntag: Flo, Jules und ich im Центральный nach Flo's Rückkehr.
3.Montag: Philipp und ich im  Центральный um Sonntag nachzuholen.
4.Dienstag: ??? und ich im Центральный keine Ahnung warum.
5.Mittwoch: Jules und ich im  Центральный nach dem Sprachunterricht.
6.Donnerstag: Flo, Jules und ich im Центральный nach Kinder- und Erwachsenenheim.

7. Freitag:

Freitag sollte meine Woche komplett werden, aber es schien als ob das nicht passieren würde. Freitag war Philipps Geburtstag und da dachte ich mir, ihm zu Liebe, machen wir mal keine Runde Sache draus.
 Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt (Zitat: Ampelmännchen xD)
Irgendwann haben Jules und ich nämlich beschlossen, dass die Party auch eine halbe Stunde ohne uns auskommt und wir einfach mal verrückt sind, den Balkon mit gutem Bier zurücklassen und uns schlechtes Billigbier gönnen.
Und es war eine verdammt gute Entscheidung! Denn es hat den Abend geschmückt.

Tag 7! Für dieses Foto sind wir extra nochmal zurück! Und später haben wir die Leute wiedergetroffen - bei Philipp.


Die lustige Geschichte dabei: Ich kannte einen schon vom Theater, Flo hat ihn schon auf einer Party getroffen, aber wir hatten keine Ahnung, dass der jeweils andere ihn auch kennt. Misnk ist ein Dorf, man trifft ständig durch Zufall irgendwelche Leute, die in irgendeiner Weise mit einem verbunden sind.

Auf jeden Fall habe ich somit eine Woche lang schlechtes Billigbier im Центральный getrunken.

Kommen wir zur Auswertung:

An Tag 1 und 2 schmeckte das Bier reudig

Tag 3, 4 und 5 war es eigentlich in Ordnung
Tag 6 war es dann wieder reudig
und an Tag 7 wollte ich den Spuckschluck/Uwe einfach nicht mehr trinken.
Außerdem stellt sich natürlich die Frage wie ein solcher Konsum den Körper beeinflusst. 
Hier die Antwort: Nach einer Woche hatte ich ein unglaublich großes Verlangen nach gesunder Ernährung und Sport. Außerdem konnte selbst ein "gutes" Bier meinen Apettit nicht wecken. 
Das Центральный ist ein geselliger Ort, aber nicht immer trifft man nette Menschen. Häufig trifft man auch auf stark alkoholisierte oder rassistisch/faschistisch geprägte Menschen oder auf Artjom ;o) (Zur Aufklärung: Das soll keine Steigerung oder Aufzählung sein, denn er gehört nicht in diese Kategorie)
Es ist auf jeden Fall ein sehenswerter Ort und auch ein Billigbier lohnt sich mal (0,5L für umgerechnet ca. 75cent) aber auf Dauer sollte man doch lieber 20 Cent mehr investieren oder auch mal andere Orte aufsuchen!
Fazit: Lustig war es auf jeden Fall und neue Bekanntschaften haben wir defintiv  auch geknüpft.
Also ein "Thumbs up" fürs  Центральный. ;o)
 




Хэллоуин



Halloween- Und wir geben eine unglaublich abgefahrene und sehr belebte Eskalationsparty – Nicht! ;o)
Aber was soll man machen, wenn die Hälfte der geladenen Gäste nicht kommt?
Trotzdem war es ein netter und sagen wir mal interessanter Abend. Leider nicht alles ganz Internetgerecht, aber immerhin gibt es hier ein paar Einblicke. 
Ach kann Jules nicht wunderschön gucken?

Das ist dann wohl die passende Reaktion auf das Bild...

Bela-Kola!!!

Gymnastik auf der Waschmaschine oder ist es doch mehr als das???

Der letzte Rest.




Und so beschließt man dann einen Abend - mit Essen ;o)

Aber natürlich haben wir (also besser gesagt die belarussischen Freiwilligen, Ira und Julia) ganz dem Thema entsprechend auch Kontakt mit dem Jenseits aufgenommen. - Ich war da eher ähnlich begeistert wie Anna, aber zum Glück kam ja Flo mit dem Wodka zur Rettung geeilt :o)




Nachdem dann alle auch recht früh gegangen sind, hatten wir auf jeden Fall noch eine Menge Aufregung und Spaß im Graffiti! Also alles in allem doch irgendwie ein gelungener Abend.

Montag, 29. Oktober 2012

больни́ца

Krankenhaus - Natürlich trinken wir nicht nur Bier und genießen unsere Freizeit, sondern arbeiten auch ganz hart. Heute haben wir den Kindern und Erwachsenen im Krankenhaus die amerikanische? keltische? Kultur ein bisschen näher gebracht.
Halloween!
Wir haben Kürbisgesichter geschnitzt und die Eltern hatten ihre Freude mit den Resten. Es gab Kürbissuppe. ;o)
Und als ob Kürbisse aushöhlen nicht schon Spaß genug wäre, kamen auch noch die...
                                                                 ...Clowns!!!


                      Ohje, unser Kürbis hat ein Loch im Boden. Upps, da war wohl jemand etwas zu fleißig. :o)
 Und dann kommt der spannende Moment, wenn endlich die Kerzen im fertigen Kürbis an sind...

Das hat wirklich Spaß gemacht und jetzt werden die bösen Geister rechtzeitig zur kalten, dunklen Jahreszeit vertrieben. Rechtzeitig? Naja defintionssache, auf jeden Fall war es wirklich schön!

о́тдых 2

Freizeit 2 - Mal wieder ein kleines Update was unsere Freizeitgestaltung der letzten 2 Wochen angeht.

Erst einmal haben Jules und ich uns getraut und sind mal "typisch belarussisch" feiern gegangen. Ein bisschen Anpassung war allerdings angesagt, denn so ganz ohne "dress und make up" wird es doch schwierig.


Und hier kommt... Rotkäppchen ;o)

Oh wie unwohl ich mich in diesem Aufzug gefühlt habe und wie unglaublich glücklich ich war, als ich wieder weniger Schminke im Gesicht, meine Sachen und vor allem meine Jacke an hatte!
Übrigens sind wir von der Party um dreiviertel 1 abgehauen und haben die letzte Metro genommen, denn es war ECHT NICHT UNSER DING!

Danach haben wir uns erstmal wieder unserer üblichen Beschäftigung gewidmet und...

                                                   GEGESSEN!  Mmmmh lecker Pizza.

Auch wenn sie ein paar Mängel hatte, die belarussische topped sie auf jeden Fall.

Danach war Julia schon glücklich, aber als wir dann am nächsten Tag, sozusagen bei uns vor der Haustür, noch auf Pferde trafen, war sie nicht mehr zu halten! Und immerhin hatten wir dadurch noch ein bisschen Unterhaltung von ein paar interessanten Typen. :o)


Und dann fiel der erste Schnee und er fiel und fiel und fiel und blieb liegen.
Hier ein kleines sehr unscharfes Video mit Jules und meinem wundervollen Geplapper (es ist der typische Gesprächsverlauf xD).


Und noch natürlich noch ein Kneipenfoto:

                                                           Von Kneipe zu Kneipe.

Haben an dem Abend übrigens echt coole Leute getroffen, unter anderem einen unserer Vorgänger. Er war vor 10 Jahren mit ASF in Minsk, jetzt ist er grade hergezogen und gleich begegnet man sich.
Minsk ist ein Dorf!

So auch die kommenden Wochen versprechen Freizeittechnisch wieder recht nett zu werden, man wird sehn...




Mittwoch, 24. Oktober 2012

Не-Зо́лушка


Nicht-Aschenputtel

Es waren einmal vor langer Zeit einige Freunde, denen wurde die Zeit wenig, und als sie fühlten dass ihr Ende heran kam, riefen sie ihre Freundin zu sich und sprachen 'liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und er will vom Himmel auf dich herab blicken, und will um dich sein.' Darauf taten sie die Augen zu und sie verschwand. Das Mädchen ging jenen Tag hinaus in die Welt, und blieb ‚fro…ehlich und gut‘. Als der Herbst kam, deckten die Blätter ein buntes Tüchlein über Minsk, und als die Arbeitslosen es einmal weggekehrt hatten, nahm sich das Kind einer Frau an.
 Die Frau war eine Babuschka, die alt und krank von Angesicht war, aber gut und dankbar von Herzen. Da ging eine anstrengende  Zeit für das arme Kind an. 'Soll das junge Mädchen bei mir in der Stube sitzen!' sprach sie, 'soll Äpfel essen, es hat sie sich verdient: herein mit dem Kind.‘ Das Mädchen nahm ihre schönen Kleider weg, zog alte, schmutzige Lumpen an, und trug ausgeblichene Schlappen. 'Seht einmal das schöne Mädchen, wie schlecht sie aussieht!' rief die Babuschka, sorgte sich und führte es ins Bad. Da musste es von Morgen bis Mittag schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Wanne putzen, schrubben und scheuern. Obendrein tat ihm die Nachbarin alles ersinnliche Körperleid an, nahm der Babuschka die Wanne und klaute den Schrubber, so dass es auf den Knien sitzen und den Boden schrubben musste. Abends, wenn es sich müde gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, sondern musste sich auf ein unbequemes Sofa legen. Und weil es darum immer Rückenschmerzen hatte, wurde es nicht Aschenputtel genannt.

???Was ihm die Zukunft noch bringt???
‘Whatever will be, will be, the future is not ours to see!’

Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es noch heute.



Zum Verständnis: Ich muss bei meiner Babuschka immer die Wanne schrubben und tatsächlich hat die Nachbarin den Schrubber mitgenommen, sodass ich auf den Knien den Boden wische. Nun habe ich mich dabei ein bisschen wie Aschenputtel gefühlt, daher dieser Eintrag. Aber es ist alles gut!

Samstag, 20. Oktober 2012

пол и сексуа́льность


Gender und Sexualität - Einige Erlebnisse und Annas Frage nach der Geschlechterrolle in Deutschland haben mich veranlasst hier einmal etwas über meine Erfahrung mit Gender und auch mit Sexualität in Belarus zu schreiben.

Wie sagte Johanna es so schön: „In Minsk ist man keine richtige Frau wenn man keine hohen Schuhe trägt.“ Und es ist etwas Wahres daran, denn Turnschuhe sind bei den Frauen hier nicht sonderlich verbreitet. Wenn schon flach, dann doch wenigstens Stiefel bis zu den Knien hoch, aber die meisten tragen hohe Schuhe. Und um das Klischee vollständig zu erfüllen dazu doch bitte einen engen kurzen Rock (die Treppenstufen sind hier unglaublich flach und ich habe die Theorie, dass die Belarussinnen ansonsten mit ihren engen Röcken da nicht hochkämen), eine Nylonstrumpfhose, einen Mantel mit Fell und lange Haare.
Man schafft es mit unserem Kleidungsstil häufiger Gesprächsthema zu werden. Die Verkäuferinnen des Second Hand Ladens waren wirklich sehr amüsiert, als Julia und ich nur die Männerschuhe anprobierten und neulich wurde ich an der Bushaltestelle von einer Frau gefragt, ob ich Künstlerin sei, mein Kleidungsstil würde darauf schließen lassen. ;OP
Natürlich sind hier nicht alle so, denn „es gibt jene und solche und dann gibt es noch ganz andere aber das sind die schlimmsten.“ (Marc-Uwe Kling)

Emanzipation als Nebensache. Frauen dürfen keine Busse fahren und hilfsbereite Männer stehen im Ansehen häufig eine Stufe höher als hilfsbereite Frauen.
Besonders stark vertritt man die Geschlechterrolle. Frau oder Mann, das sollte Eindeutig sein. Und Homosexualität ist zwar gesetzlich nicht verboten, aber die ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft sagen etwas anderes. Man kann hier durchaus als Homosexueller Leben, es gibt „Schwulenpartys“ und auch auf der Straße begegnet man gelegentlich Homosexuellen. Dabei begegnet man dem Thema schwul sein häufiger als lesbisch sein, denn Frauen die sich küssen, das sind doch bloß Freundinnen oder nicht?
Viele Belarussen haben eine Art der Homophobie aber wer kann es ihnen übel nehmen, wenn sie nie gelernt haben damit umzugehen? Doch es wird Zeit dafür, denn Akzeptanz findet man hier nur in bestimmten Kreisen in anderen ist die Abneigung beherrschend. Im Krankenhaus gibt es ein Mädchen, dass seit sie 4 ist ein Junge sein möchte, heute ist sie/er 14 und die Mutter akzeptiert die Neigungen des Kindes, andere nicht. „Es ist schade, dass kein Vater mehr in dieser Familie lebt, denn die Mutter hat einen Fehler gemacht und der Vater hätte das verhindert, aber vielleicht bis das Kind 18 oder 20 ist da kann man es noch verändern, kann man alles wieder richtig machen.“

Wer akzeptiert werden will, der ist besser „normal“ ohne komische Neigungen, Behinderungen oder ähnliches, der zeigt sein Geschlecht durch seine Kleidung, sein Verhalten und ist eben, ganz nach dem kommunistischen Gedanken der Gleichheit, wie alle.

Unter jungen Menschen gehört die „richtige“ Sexualität zum Alltag, es ist eben ein Teil des Lebens. Bei den Kindern und jungen Erwachsenen im Heim ist es verboten!
Der Erregung und Befriedigung wird jede Art der Natürlichkeit abgesprochen. Wenn ein Junge im Pubertätsalter masturbiert, dann wird er dafür geschlagen oder die Windeln werden einfach so fest gebunden, dass er keine Chance mehr hat.
Auch auf der Mädchenstation spielt Sexualität eine große Rolle. Die Kinder lernen aus dem Fernsehen, denn Soaps sind eine der Lieblingsbeschäftigungen der Sanitakas. Küssen ist wohl eine der alltäglichen Sachen und vielleicht kann man es auch zu einer Art mütterlichen Fürsorge zählen, aber das ist noch das geringste. Manche Kinder reagieren bereits auf zärtliche Berührungen. So zum Beispiel eines der blinden Mädchen, vermutlich ist ein über den Rücken streicheln eine Erfahrung die sie selten oder nie macht, ihre Reaktion darauf: der Griff unter das Shirt zur Brust, dann in den Schritt.
Auch eng umschlungenes tanzen oder Händchen halten hat ihnen das Fernsehen gezeigt, dabei spielt hier das Geschlecht jedoch keine Rolle. Es ist nicht wichtig ob man männlich oder weiblich ist, sondern nur dass man irgendwie diesem Gefühl, diesem Trieb nachkommt.
Normalerweise werden solche Dinge sehr schnell unterbunden, um so schockierender war für mich ein Erlebnis was ich machen musste, als keiner der Mitarbeiter mehr auf der Station war, als die Kinder sich gegenseitig „betreuten“. Ziemlich schnell lagen 2 Mädchen auf dem Boden, das eine eher mit einer „maskulinen Art“ und stark und bestimmend, das andere nicht fähig sich zu wehren, schwach und irgendwie zurückgelassen. Sie wurde auf dem Boden abgeküsst und umarmt und gedrückt. Nachdem sie aufgestanden waren, habe ich sie eine Weile später auf einem der Sofas liegen sehen, die kleine war wehrlos den Küssen, den Berührungen ausgeliefert, verstand wohl auch nicht was da passierte. Als ich näher komme sehe ich, dass auch ihr Hose runtergezogen ist, dass sie untenrum nackt ist - die Große liegt auf ihr.

Es ist schockierend und schwer, aber diese Kinder wissen es nicht besser, sie lernen nicht mit ihrer Sexualität umzugehen, sie können sich nicht ausprobieren also tun sie, wenn sie doch einmal können, das was sie woanders sehen, wozu der Trieb sie bringt und ich möchte mir gar nicht vorstellen wohin das führen kann.